Einst war Mössingen stolz auf seinen Beinamen: Blumenstadt.
Heute ist man vor allem stolz auf funktionierende Aufsitzmäher.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich das im sogenannten „mähfreien Mai“ — jener ökologischen Vorzeigeaktion, bei der man der Natur großzügig erlaubt, exakt so lange zu wachsen, bis sie fast schön wird. Zumindest so lange, bis irgendwo eine Blüte sichtbar wird und beim zuständigen Gartenbaubetrieb vermutlich ein stiller Alarm ausgelöst wird.
Denn kaum wagt es der Salbei am Straßenrand, erste violette Blüten anzudeuten, rückt bereits die kommunale Vegetationsvernichtungsbrigade an. Mit deutscher Präzision. Mit städtischer Entschlossenheit. Mit dem tiefen Misstrauen gegenüber allem, was summt.
Hummeln im Anflug?
Pech gehabt.
Bienen auf Nahrungssuche?
Bitte wenden.
Ein bisschen Farbe im Straßenbild?
Nicht mit uns.
Wo gestern noch Hummeln hoffnungsvoll ihre Flugrouten planten, liegt heute ein aromatischer Teppich aus gehäckseltem Halb-Salbei.
Naturschutz — aber bitte kurz.
Mit beeindruckender Konsequenz mäht Mössingen ganze Straßenzüge nieder, bevor überhaupt irgendetwas blühen darf. Man könnte fast meinen, der größte Feind der Artenvielfalt sei hier nicht der Klimawandel, sondern ein zu motivierter Freischneider.
Dabei wäre der Salbei eigentlich der ideale Stadtbewohner: hübsch, pflegeleicht, trockenheitsresistent, insektenfreundlich — also praktisch das Gegenteil mancher Gemeinderatsdiskussion.
Man muss die Strategie verstehen:
Blühflächen sind nur dann erwünscht, solange sie auf Flyern existieren. In der Realität könnten Bürger sonst noch auf die Idee kommen, eine Blumenstadt müsse tatsächlich blühen.
Und so verwandelt sich Mössingen Jahr für Jahr in ein botanisches Paradoxon:
Man wirbt mit Biodiversität und führt gleichzeitig einen Präventivkrieg gegen jede Pflanze über acht Zentimeter.
Besonders tragisch ist dabei der Salbei.
Kaum eine Pflanze ist genügsamer, insektenfreundlicher und schöner anzusehen. Aber genau darin liegt vermutlich das Problem. Denn eine blühende Butzenbadstraße könnte versehentlich Lebensqualität erzeugen — und dafür gibt es im städtischen Pflegeplan offenbar keine Haushaltsstelle.
Und genau deshalb versteht niemand so recht, warum man ihn behandelt, als plane er einen gewaltsamen Umsturz der öffentlichen Ordnung.
Vielleicht steckt dahinter die alte deutsche Angst, die Natur könne plötzlich machen, was sie will.
Ein paar Wildblumen heute — und morgen sitzen Füchse im Bürgerbüro.
Früher pflanzte man Blumenbeete.
Heute dokumentiert man Mahdintervalle.
Doch bei aller Satire bleibt ein ernster Gedanke:
Der Mensch braucht die Natur.
Die Natur braucht den Menschen nicht.
Die Bienen würden auch ohne Mössingen klarkommen.
Mössingen ohne Bienen wird deutlich schwieriger.
Vielleicht ist es also keine revolutionäre Idee, blühende Pflanzen einfach mal blühen zu lassen. Vielleicht wäre „mähfreier Mai“ (und vielleicht auch der Juni) besonders glaubwürdig, wenn eine zart knospende Blüte nicht an akutem Kontrollbedürfnis scheitert.
Vielleicht sollte Mössingen seinen Titel daher modernisieren.
Nicht mehr „Blumenstadt“.
Sondern:
„Mössingen – wo selbst Wildblumen einen Räumungsbescheid bekommen.“
Aber Hoffnung naht.
Denn die neue Oberbürgermeisterin wird sich dafür einsetzen, dass in Mössingen künftig mit etwas mehr Verstand (vom Bauhof statt Gärtnereibetrieb) gemäht wird. Nicht weniger gepflegt — sondern intelligenter. Dort mähen, wo es nötig ist. Dort wachsen lassen, wo Leben entsteht.
Denn eine Blumenstadt erkennt man nicht daran, wie kurz das Gras ist.
Sondern daran, ob noch etwas summt, blüht und lebt.
Und vielleicht erleben wir dann eines Tages tatsächlich wieder das Unvorstellbare:
Einen Salbei in voller Blüte. Entlang der ganzen Butzenbadstraße.

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