Der Kampf des Menschen mit dem urbanen Raum
Die neue „Mössinger Mitte“ ist eröffnet – modern, aufgeräumt und selbstverständlich so geplant, dass man als Bürger sofort erkennt: Hier wurde an alles gedacht. Wirklich an alles. Außer vielleicht an die physikalische Wechselwirkung zwischen SUV und Realität.
Denn dank ausgezeichneter Stadtplanung produziert Mössingen nun ganz ohne Zusatzkosten eigene Stolpersteine.
Bürgernaher kann Stadtgestaltung kaum sein: Das fahrende Volk arbeitet aktiv mit!
Nachhaltig, regional und live vor Ort gefertigt – durch Fahrerinnen und Fahrer überdimensionierter Stadtpanzer, die offenbar überrascht feststellen mussten, dass ihr Fahrzeug vorne noch ein paar Meter weitergeht als das Lenkrad.
Besonders beeindruckend: Kaum eingeweiht, schon dekorativ umgenietet. Manche Städte investieren Millionen in interaktive Kunst im öffentlichen Raum. Mössingen setzt dagegen auf spontane Performancekunst mit Blechschaden. Der Unterschied: Bei uns fährt die Installation selbst vor.
Natürlich wird die Reparatur wieder Geld kosten. Vermutlich nicht wenig. Aber vielleicht denkt man hier einfach zu traditionell.
Warum überhaupt reparieren? In zwei Wochen liegt der nächste Poller ohnehin wieder quer wie ein angeschossenes Wildschwein auf dem Pflaster.
Man sollte das Ganze vielmehr kulturpolitisch aufwerten.
Ein neues Kunstprojekt! Arbeitstitel: „Die Unsichtbarkeit des Stadtmobiliars“. Oder: „SUV gegen Pfosten – ein Dialog“.
Förderfähig wäre das vermutlich auch noch. Vielleicht sollte Mössingen die zu erwartenden Schäden gar nicht mehr reparieren. Das Ganze hat längst Kunstcharakter. Eine Art Mahnmal der spätmodernen Mobilität: Fahrzeuge von der Größe kleiner Reihenhäuser, gesteuert mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen eines Staubsaugerroboters.
Und damit die armen Fahrerinnen und Fahrer künftig nicht mehr völlig unvermittelt auf massive Metallobjekte stoßen, hätten wir auch gleich einen künstlerisch-konstruktiven Vorschlag für die Verkehrssicherheit: 99 Luftballons am Ständer.
Vielleicht in Neonfarben.
Vielleicht mit Blinklicht.
Vielleicht mit einem attraktiven, leicht bekleideten Mitarbeiter des Bauhofs daneben, der mit zwei Fahnen winkt wie auf einem Flugzeugträger. Nicht nur zur Belebung und Verschönerung der Stadtmitte — eher als letzte diplomatische Kontaktaufnahme mit dem Sichtfeld der Lenkenden.
Denn man darf von einem fahrenden Tiny House schließlich nicht erwarten, dass es im Schritttempo Hindernisse erkennt.
Aber immerhin zeigt die neue Mitte schon jetzt, was urbane Räume leisten können: Begegnung, Austausch und spontane Materialtests zwischen deutscher Ingenieurskunst und kommunaler Möblierung.
Mössingen lebt.
Man hört es scheppern.

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