Mössingen ist keine Arena, sondern eine Stadtgemeinschaft

Mössingen – die entpolarisierte Zone

Wer die Nachrichten verfolgt, könnte meinen, die Menschheit bestehe nur noch aus verfeindeten Lagern. Andersdenkende werden wahlweise für ahnungslos, gefährlich oder grundsätzlich unzurechnungsfähig erklärt. Empörung hat Konjunktur, und wer nicht derselben Meinung ist, wird vorsorglich aus dem Freundeskreis, dem Internet und am besten gleich aus dem Abendland entfernt.

Und dann gibt es Mössingen.

Da setzt sich der amtierende Oberbürgermeister bei der Einweihung der Neuen Mitte kurzerhand auf das rote Sofa seiner Herausforderin. Einfach so. Man plaudert, lacht und stellt gemeinsam fest, dass weder der eine noch die andere Hörner trägt. Keine Sicherheitskräfte, keine Schiedsrichter, keine Sondersitzung des Gemeinderats.

Zugegebenermaßen, manch einer könnte denken: Jessas! Sechs Stunden Einweihung! Ist unserem lieben Herrn Oberbürgermeister etwa die Hitze zu Kopf gestiegen? Natürlich übt so ein schönes rotes Sofa auf Menschen aller politischen Couleur eine gewisse Anziehungskraft aus…

Vielleicht war das Sofa auch nur bequem. Vielleicht wollte er sehen, was die Konkurrenz so treibt. Vielleicht war es aber auch nur die Erkenntnis, dass ein Wahlkampf kein Rosenkrieg sein muss. Schließlich sitzt man nicht alle Tage auf einem roten Sofa, das plötzlich zu einem kleinen politischen Wahrzeichen geworden ist. 

Im Steinlachtal scheint nämlich noch eine merkwürdige alte Sitte gepflegt zu werden: Man darf unterschiedlicher Meinung sein und sich trotzdem grüßen.

Man kann über Parkplätze streiten, über Radwege debattieren, über Baugebiete und Streuobstwiesen leidenschaftlich diskutieren – und sich anschließend immer noch beim Bäcker begegnen, ohne dass jemand die Brötchen nach Parteibuch sortiert.

Möglicherweise liegt es an den Bienen. Oder an den Äpfeln. Vielleicht aber auch daran, dass man sich in einer Kleinstadt nicht dauerhaft aus dem Weg gehen kann und deshalb gelernt hat, dass Zusammenleben mehr bedeutet als Rechthaben.

Während anderswo an der Spaltung gearbeitet wird, praktiziert Mössingen das Gegenteil: politische Koexistenz. Mössingen ist gewissermaßen die entpolarisierte Zone. Ein amtierender Oberbürgermeister, der sich demonstrativ neben seine Herausforderin setzt, sendet hier ein Signal: „Wir streiten um Ideen, nicht um Menschlichkeit.“

Der Gegenpol zu einer Welt, in der viele glauben, Demokratie bedeute, den Andersdenkenden möglichst laut niederzubrüllen.

Im Steinlachtal scheint dagegen noch eine altmodische Idee zu gelten:

Man kann miteinander reden.

Und manchmal setzt man sich sogar gemeinsam aufs Sofa.

Wenn das kein Fortschritt ist.

Fast könnte man meinen, die Steinlachmetropole sei eine Art Freilandversuch für eine aussterbende Kulturtechnik: die Fähigkeit, gemeinsam an einem Tisch – oder auf einem roten Sofa – Platz zu nehmen.

Vielleicht sollten wir daraus ein pharmazeutisches Exportprodukt machen.

Der Beipackzettel wäre kurz:

Kann zu mehr Gelassenheit, Gesprächsbereitschaft und gelegentlichen gemeinsamen Fotos mit dem politischen Gegner führen.

Gesundheitsschädliche Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt.

PS: Morgen, 25.6., gibt es in der Aula des QG ab 19 Uhr eine gemeinsame Veranstaltung. (Ohne Sofa.)

Da freuen sich beide Kandidaten auf Ihr geneigtes Erscheinen, liebe geschätzte Wählerin und hoch geschätzter Wähler!

 

4 Kommentare zu „Mössingen ist keine Arena, sondern eine Stadtgemeinschaft“

  1. Avatar von Barbara
    Barbara

    Guter Stil👍: In der Sache streiten ohne den politischen Gegner als Mensch abzuwarten.

    1. Avatar von chefinnin

      So ist es, liebe Barbara! 🙂

  2. Avatar von Herbert Hägele
    Herbert Hägele

    Streiten darf man, nur nicht händeln.
    Frei nach Mössingens ehemaligem Bürgermeister Erwin Kölle (1962-1982).

    1. Avatar von chefinnin

      Sehr schön gesagt, Lieber Herbert Hägele! Grüße nach Naihra!

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