…folgt hier meine Rede im Wortlaut in der QG.Aula:
Liebe Mössingerinnen und Mössinger,
In den vergangenen Wochen wurde ich häufig gefragt: Warum kandidierst du eigentlich? Du hast doch keine Chance!? –
Ich habe keine Chance, also nutze ich sie; denn was habe ich zu verlieren, außer eine Wahl? Mössingen gewinnt dadurch in jedem Fall.
22% Wahlbeteiligung bei der vergangenen Wahl.
Von 15 959 Wählern haben nur 3 425 meinen lieben Herrn Oberbürgermeister gewählt.
Das ist bitter. Kommunen sind nämlich die Keimzellen der Demokratie!
Rund 12 500 Wähler_innen haben auf das demokratische Privileg, das wir vielen Ländern voraus haben, verzichtet. Mangels Alternativen.
In diesem Jahr sieht es jetzt anders aus.
Sie, liebe Mitbürger_innen, haben jetzt eine echte Wahl!
Und stellen Sie sich nur einmal vor, wenn alle Nicht-Wähler die chancenlose Kanditatin wählen?!!?
Hach.
Ich kandidiere aber auch deswegen, weil ich mir wünsche, dass wieder mehr Menschen Lust auf ihre Stadt bekommen. Dass sie sagen: “Da mische ich mich ein. Da geht es um meine Zukunft. Diese Stadt gehört auch mir. Und deshalb gehe ich wählen.”
Ich kandidiere nicht, weil ich glaube, alles besser zu wissen. Frau Bernhard muss von mir nicht lernen, wie man einen Haushalt aufstellt, und das Ordnungsamt braucht von mir auch keine Nachhilfe. Unser Bürgeramt funktioniert, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in jeder Abteilung leisten gute Arbeit.
Nein, ich kandidiere, weil eine Stadt mehr ist als ihre Verwaltung.
Eine Stadt lebt von den Menschen, die in ihr wohnen, lernen, arbeiten.
Von ihren Ideen.
Von ihrer Bereitschaft, gemeinsam etwas zu gestalten.
Und genau das wünsche ich mir für Mössingen.
Wir haben ein tolles Schulzentrum. Und sogar eine Musikschule, die schon zahlreiche hervorragende Musiker hervorgebracht hat.
Allerdings lassen die Räumlichkeiten nicht nur bei der Musikschule zu wünschen übrig.
Bei einem meiner Roten-Sofa-Termine wünschte sich eine Schülerin des Quenstedts einen Deckenventilator für jedes Klassenzimmer. Ein bescheidener Wunsch, eine Klimaanlage wäre viel teurer.
Und der Jugendgemeinderat hätte gerne eine Infotafel über die Umbenennung der Farrenbergschule nach dem Vorbild der Gedenktafel am Jakob-Stotz-Platz. Warum hören wir nicht auf unsere Jugend. Sie verlangt nach Aufklärung! Und sie hat Ideen.
Als ich in den 1980er und 90er Jahren in Orschelhagen bei Reutlingen aufwuchs, erinnere mich vor allem an den damaligen evangelischen Pfarrer Baron, der mit seiner lauten, sonoren Stimme und Gitarre in der Hand die Kinderkirche leitete. Der absolute Hit damals: “Ein Schiff, dass sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit” Alle fünf Strophen schmetterten wir Kinder lauthals. Das war toll. Nach meinem Empfinden gab es damals nur zwei Vereine in Orschelhagen. Und das waren die beiden Kirchen.
Mössingen hingegen hat das Glück, nicht nur viele unterschiedliche Kirchengemeinden und die Moschee zu haben, unfassbar viele Menschen engagieren sich hier im Ehrenamt. Im Sportverein, Musikverein, der Feuerwehr, den Bürgern für Bästenhardt, den Freibadfreunden Öschingen oder dem Liederkranz Talheim. Den OGV nicht zu vergessen. Ach, ich kann sie nicht alle aufzählen! Mögen die nicht erwähnten mir verzeihen – ich schätze alle Mössinger Vereine!
Und alle Mitglieder dieser Vereinigungen glauben an die solidarische Kraft von Gemeinschaft.
Sie bleiben nicht einfach stehen und sehen staunend der Stadt bei ihrer Entwicklung zu. Mössingen bewegt sich! Mössingen packt an.
Mössingen hat den Mut, Probleme ehrlich zu benennen.
Nicht alles schlechtzureden, aber auch nicht so zu tun, als wäre schon alles gut. In jeder Beschwerde sehe ich einen kostenlosen Verbesserungsvorschlag!
Viele von uns sorgen sich um Mössingens grüne Landschaften. Bei der aktuellen Hitzewelle kann man den Bäumen förmlich beim Sterben zusehen.
Wir brauchen Tatkraft, um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen, um künftigen Generationen ein lebenswertes Mössingen zu hinterlassen. Ein Mössingen, das seine Blumenstadt, ja, seine grüne Lunge wiederentdeckt.
Ein Mössingen mit lebendigen Ortskernen und eigenen Ortsbeiräten, auch in Belsen und Bästenhardt. Bezahlbarer Wohnraum, sichere Radwege und eine Innenstadt, in der Menschen sich gerne begegnen.
“Das Recht auf Stadt” – so heißt ein unumstrittenes Grundlagenwerk für Stadtplaner, von 1968. Darin beschrieben: die Erfahrung der eignen Wirksamkeit. Die Gewissheit, dass nicht nur die Verwaltung oder der Gemeinderat die Stadt gestalten, sondern jeder Einzelne. Vereine, Unternehmen, Familien, Jugendliche und Senioren.
Ich meine schon lange: Wir brauchen weniger nicht-öffentliche Sitzungen und mehr Transparenz bei den Gemeinderatssitzungen. Öffentlichkeit ist der Sauerstoff der Demokratie!
Weitere Bausteine für eine lebenswerte Stadt sind Gemeinschaft und Fairness. Die Überzeugung, dass nicht immer dieselben die Lasten tragen, sondern alle ihren Beitrag leisten – und alle davon profitieren.
Dazu gehören auch sichtbare Erfolge.
Nicht irgendwann. Nicht erst 2040. Sondern jetzt schon. Schritt für Schritt.
Dass Fußgänger sich sicher fühlen und Radfahrer nicht gegängelt werden. Und auch das Auto darf seinen Platz haben, allerdings nicht auf Kosten der Solidargemeinschaft. Die Hauptstadt Finnlands, Helsinki, hat Tempo 30 eingeführt. Seither gab es keinen einzigen Verkehrstoten. Und das Zentrum von Paris ist seit 2024 komplett autofrei.
Aber die wichtigste Frage für jeden einzelnen heute ist:
Was bedeutet das konkret für mein Leben hier in Mössingen?
Genau daran ist der Stadtentwicklungsprozess STEP 2030 gescheitert.
Die Ideen waren gut. Die Bürgerinnen und Bürger haben sich eingebracht. Es gab Ziele und Leitbilder.
Wissen Sie noch, was für die Neugestaltung der Stadtmitte vereinbart war?
Etwa eine autogerechte Umgestaltung wie im vorigen Jahrhundert?
Mit viermal so vielen PKW-Stellplätzen wie Bäumen?
Mit Gefährdung der Radfahrer durch ausparkende Autos?
Haben Sie sich funktionslose Granitquader und rutschige Bodenplatten gewünscht?
Und einen Marktplatz ohne Bäume und Schatten, wo Kinder neben einer Blechlawine am Wasserspiel planschen?
Im STEP 2030 haben sich die Mössingerinnen und Mössinger klar für eine deutlich spürbare Rücknahme der Dominanz des Autoverkehrs ausgesprochen, mit autofreien Bereichen und hoher Aufenthaltsqualität. Auch die Belebung der alten Ortsmitte um die Peter- und Paulskirche wurde gewünscht.
Die Umbenennung der Farrenbergschule wurde in nicht-öffentlichen Sitzungen und Abstimmungen beschlossen. Finden Sie, dass dieses Vorgehen den folgenden drei STEP 2030-Zielen entspricht? (mit den Fingern die drei Ziele mitzählen) :
aktivierende Beteiligungsprozesse,
Transparenz,
und Einbeziehung von Kinder und Jugendlichen
(seufz:))
Was nützt also das schönste Ziel, wenn niemand überprüft, ob wir ihm näherkommen?
Ein Kompass, den niemand anschaut, navigiert kein Schiff.
Ich kandidiere nicht für ein weiteres Papier, das in der Schublade verschwindet.
Ich kandidiere dafür, dass wir gemeinsam wieder Kurs aufnehmen.
Mössingen hat engagierte Bürger, die dieses Konzept leben wollen, in dem sich Menschen einbringen, weil sie spüren:
Meine Stimme zählt.
Ich wünsche mir ein Mössingen, in dem Familien gerne leben.
Ein Mössingen, in dem Kinder und Jugendliche sich ernst genommen fühlen und hier ihre Zukunft sehen.
Denn sie sind besonders wichtig für eine leistungsfähige Wirtschaft:
Gut gebildete, qualifizierte junge Menschen und moderne Unternehmen wirken aufeinander wie Magnete – sie ziehen sich gegenseitig an.
Ich wünsche mir ein Mössingen, das Lust auf Zukunft macht.
Denn natürlich sollen sich unsere Kinder und Enkel entfalten können. Sie sollen Wohnungen finden, arbeiten können und ihre Heimat nicht verlassen müssen.
Aber Wachstum bedeutet nicht zwangsläufig, sich immer weiter auszudehnen.
Wir leben in einem einzigartigen Streuobstparadies. Diese Kulturlandschaft haben wir nicht von unseren Eltern geerbt, um sie aufzubrauchen. Wir haben sie von unseren Kindern geliehen. Dieses geflügelte Wort der “Native Americans” zeigt uns gerade dort, in den USA, was passiert, wenn diese Weisheit ignoriert wird: Eine rücksichtslose Ausbeutung der Natur und endlos ausgedehnte menschenfeindliche Städte.
Deshalb glaube ich: Die Zukunft Mössingens liegt nicht darin, immer neue Flächen am Ortsrand zu versiegeln, sondern zuerst die Potenziale im Inneren zu nutzen. Leerstände zu beleben. Baulücken zu schließen. Bestehende Infrastruktur zu stärken. Innenentwicklung vor Außenentwicklung – so, wie wir es uns selbst im STEP 2030 vorgenommen haben.
Denn ich möchte, dass auch kommende Generationen sich hier entwickeln können.
Aber ebenso liegt mir am Herzen, dass sie noch blühende Streuobstwiesen erleben, Bienen summen hören und voller Freude sagen können:
Das haben unsere Eltern und Großeltern damals klug gemacht.
Und ich wünsche mir, dass wir uns in ein paar Jahren nicht fragen müssen: „Warum hat damals niemand etwas verändert?“
Sondern dass wir sagen können:
„Damals haben wir gemeinsam angefangen.“
Liebe Mössingerinnen und Mössinger,
wer ein Schiff bauen will, beginnt nicht mit Brettern und Nägeln.
Wer ein Schiff bauen will, beginnt bei den Menschen und weckt ihre Sehnsucht nach dem Meer.
Und gibt Hoffnung auf das, was vor uns liegt. Und den Mut, schwierige Themen auch wirklich anzupacken. (Wer als einziges Werkzeug einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel)
Ich lade Sie ein:
Segeln Sie mit. Und lassen Sie uns gemeinsam den Kurs bestimmen.
Falls also plötzlich all die 12 500 Nichtwähler von 2018 zur Wahl gehen, wird man sofort fragen:
„Wie konnten all die Menschen mobilisiert werden, die dachten, Wahlen änderten sowieso nichts?“
Dann werde ich antworten:
„Einige Mössinger Bürger haben den ungeheuerlichen Vorschlag gemacht, dass Demokratie Spaß machen könnte. Sie haben mit mir Plakate aufgehängt, ein Sofa geschleppt, über Texten gebrütet oder Geld für das Wahlkampfmaterial gespendet. Das hat nicht nur Spaß gemacht, sondern es zeigt, dass es etwas bringt, sich einzumischen und sich für die Belange der Stadt und unsere Gemeinschaft einzusetzen.”
Und wenn man dann die Mössingerinnen und Mössinger fragt, dann werden sie vielleicht antworten:
„Na ja, wir hatten dieses Mal tatsächlich eine Wahl. ”
Und falls ich dann gewählt werde und jemand einwendet:
„Aber Frau Jochen, man hat Ihnen doch gesagt, Sie hätten keine Chance!“
Dann werde ich sagen:
„Genau. Und die Nichtwähler hatten auch keine. Bis sie beschlossen haben, ihre Chance einfach zu nutzen.“
Denn manchmal beginnt das größte Wunder nicht damit, dass alle einer Meinung sind.
Sondern damit, dass alle mitmachen.
Sollte meine Kandidatur bewirken, die Nichtwähler zur Wahlurne zu locken, dann hätte sie sich schon gelohnt.
Ein aufrichtiges Dankeschön an Sie alle:
Trotz der hohen Temperatur haben Sie sich entschieden, hier zu sein.
Weil Ihnen unsere Stadt am Herzen liegt und Sie mitbestimmen möchten.
Ich freue mich auf Ihre Fragen!

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