Der Verein „Rettet das Huhn“ bewahrt alte Tiere vor der Tötung. Drei Mössingerinnen schenkten drei Hühnern ein neues Zuhause.

Ein Zettel an der Pinnwand im Café Pausa und ein Aufruf im Status eines Messengerdienstes – und schwupps hatte die Mössingerin Dagmar Klink mit Martina Mikitisin und Sylke Flammer zwei Hühnerpatinnen gefunden, um mit ihnen drei Hühner zu retten und die damit verbundene Arbeit zu teilen. Retten? Müssen Hühner gerettet werden? Ja, sagt der Verein „Rettet das Huhn“, der seit 2007 ausgediente Legehennen vor der Tötung rettet. Ein bundesweites Netz aus Ehrenamtlichen plant aufwändige Rettungsaktionen, auch hier im Steinlachtal werden an einem Sommertag 1100 aussortierte Hühner von einem Freiland-Legebetrieb aus Bayern vor einem Ende in der Metzelsuppe bewahrt.
Für die Huhnretter bedeutet die so genannte „Ausstallung“ einen enormen logistischen Aufwand. Tausende von Hühnern sind so bereits an Einzelpersonen vermittelt worden.
In Deutschland werden Legehennen nach etwa 12 bis 18 Monaten in der industriellen Eierproduktion als „verbrauchte“ Tiere aussortiert – obwohl sie noch gesund sind und leben könnten, bedeutet das normalerweise deren Tod. Genau dagegen kämpft der Verein an. Was viele nicht wissen: Selbst in Bio- und Freilandhaltung werden Legehennen nach rund einem Jahr getötet, obwohl sie noch zwei, drei oder mehr Jahre leben könnten. Der Grund? Sie legen zu wenig Eier – wirtschaftlich gesehen rechnet sich ihr weiteres Leben nicht mehr. Für die Industrie sind sie dann nur noch „Abfall“. „Rettet das Huhn“ sagt: Nein. Nein zu dieser Wegwerfmentalität, nein zur Ausbeutung von Lebewesen. Stattdessen organisiert der Verein bundesweit Rettungsaktionen: Wenn ein Betrieb die Huhnretter ruft, dann kommen diese meistens am Vorabend der Verteilung und holen in der Dunkelheit tausende Hennen aus den Ställen. Dort ist es meistens still, nur das rhythmische Surren der Förderbänder ist zu hören. In Massenhaltung leben Tausende Hühner in engen Reihen – dicht an dicht, ohne Tageslicht, auf Gitterböden in Hallen mit künstlichem Licht. Sie haben nie frische Luft geatmet, nie im Gras gescharrt, nie ein Staubbad genommen. Eigentlich ist ihre Zeit abgelaufen. Sie legen nicht mehr täglich ein Ei – also sind sie wertlos. Sie sollen „entsorgt“ werden. Doch an jenem Abend wird alles anders. Ein kleines Team von Ehrenamtlichen des Vereins „Rettet das Huhn e.V.“ betritt den Stall. Leise, mit ruhigen Bewegungen, nehmen sie die Tiere in die Arme. Hühner, die sich kaum wehren – zu erschöpft, zu resigniert. Die meisten sind abgemagert, viele haben kahle Stellen, einige Verletzungen. Doch sie leben – und das ist alles, was zählt. Heute werden sie nicht im Schlachthof enden. Heute beginnt ihr neues Leben. Nach medizinischer Begutachtung und Versorgung werden die oft ausgelaugten Hennen an Familien, Tierfreunde, kleine Bauernhöfe vermittelt, wie zum Beispiel an die drei Mössingerinnen – Menschen, die bereit sind, einem geschundenen Tier ein zweites Leben zu schenken.
Es ist Samstag, 11 Uhr. Es ist schwül. Am Mössinger Freibadparkplatz geht es zu wie auf einem Basar: Autos fahren vor, laden leere Käfige aus und packen diese mit Hühnern voll. 28 Menschen vom Schwarzwald bis zum Bodensee verbringen so Huhn um Huhn in ein neues, freundliches Heim. „Wir geben die Hennen nicht einfach so ab“, erklärt Svenja Will vom Verein. „Wir wollen vorher ein Foto vom künftigen Zuhause der Hennen sehen und außerdem vermitteln wir die Tiere nur einzeln, wenn vor Ort Artgenossinnen vorhanden sind“. Denn Hühner sind soziale Tiere und brauchen Gefährten. Neben den Rettungen leisten die Retter auch wichtige Aufklärungsarbeit über das Leid in der Eierindustrie. Dabei geht es nicht nur um Käfighaltung – auch sogenannte „Bio“- oder „Freiland“-Betriebe bedeuten oft nicht das, was Verbraucher sich erhoffen. Der Verein appelliert an Konsumenten, ihr Konsumverhalten zu überdenken – und Hühner nicht nur als Nutztiere zu sehen, sondern als fühlende Lebewesen.
Zwischen Gackern, vorsichtigen Schritten ins Freie und ersten Sonnenstrahlen auf dem Gefieder beginnt für viele Hühner ein neues Leben – oft zum ersten Mal in ihrem Leben sehen sie den Himmel. Was für uns selbstverständlich klingt, ist für diese Tiere eine kleine Revolution. All das ist für die drei Mössinger Huhnretterinnen Grund genug, in Klinks großzügigem Garten ein sommerliches Willkommensfest für die drei Hennen zu feiern, die jetzt die Federike, Vera und Dusüße heißen. Die drei sehen etwas ramponiert aus, legen den Kopf schräg und glotzen mit weit geöffnetem Schnabel ungläubig hoch zum riesigen Magnolienbaum, der jetzt umzäunt ist. „Gooock?“, fragt Vera zögerlich. Alles neu, alles fremd – aber endlich artgerecht. Zum ersten Mal blinzeln die drei vorsichtig in die Sonne, setzen zögernd ein Fuß ins Gras, baden später genussvoll in staubiger Erde und legen irgendwann, wenn sie Lust dazu haben, in aller Ruhe ein Ei in ein weiches Nest. Federike entpuppt sich als Sängerin und Dusüße liebt die neugewonnenen Freiheit so sehr, dass sie über den Zaun zum Nachbarn flattert.
„Rettet das Huhn e.V.“ macht sichtbar, was viele lieber verdrängen. Der Verein gibt den Tieren nicht nur ein Zuhause – er gibt ihnen ihre Würde zurück. Und er ruft uns alle auf, unseren Konsum zu hinterfragen. Eier, ob Bio oder Bodenhaltung, bedeuten fast immer Tierleid. Wer wirklich helfen will, verzichtet. Oder schenkt einem geretteten Huhn ein Zuhause.
Denn jedes Huhn ist ein fühlendes Wesen – kein Wegwerfprodukt.
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