Mehr Bürger, weniger Meister

Aus dem Gemeinderat vom 19.10.2026

Heiter weiter in Mössingen?!?!

Tagesordnungspunkt 1: Michael Bulander wird als neuer alter Oberbürgermeister verpflichtet. Feierliche Worte, gute Wünsche, festlicher Rahmen. Und der OB selbst wünscht sich für die kommende Amtszeit ausdrücklich „Heiterkeit“ im Gemeinderat. Na, das klingt doch vielversprechend! Wer möchte nicht in einem Gremium sitzen, in dem neben Sachverstand und Beschlussfreude auch einmal gelacht werden darf?

Allerdings stellt sich da eine kleine Frage: Wie soll das eigentlich gehen, wenn der Humor schon im Keim erstickt wird? Wenn Ironie schnell als Ungehörigkeit gilt, eine spitze Bemerkung die Stimmung stört und politische Satire offenbar nur dann willkommen ist, wenn sie niemandem wehtut? Heiterkeit lässt sich schließlich nicht verordnen wie eine neue Geschäftsordnung. Sie braucht Luft zum Atmen – und Menschen, die auch über sich selbst lachen können.

Dabei wäre gerade im Gemeinderat etwas mehr Humor durchaus hilfreich. Er macht aus politischen Gegnern keine besten Freunde, aber vielleicht Gesprächspartner, die einander nicht gleich für unzurechnungsfähig halten. Er löst keine Haushaltsprobleme und baut keine Radwege. Aber er kann helfen, die Dinge mit etwas Abstand zu betrachten – und manchmal sogar, einen festgefahrenen Gedanken wieder in Bewegung zu bringen. (Im Anhang unten: Meine Rede zur Straßenbenennung im Höckle-Areal bei der vergangenen Sitzung)

Apropos Bewegung: Bei der Oberbürgermeisterwahl lag die Wahlbeteiligung bei gerade einmal 35,7 Prozent. Rund 64 Prozent der Wahlberechtigten blieben der Wahlurne fern. Das ist kein Grund, dem neuen alten OB die Glückwünsche zu verweigern. Aber vielleicht ein Anlass, darüber nachzudenken, wie wir mehr Menschen für die Kommunalpolitik begeistern können. Mit ernst gemeinter Beteiligung, offenen Debatten und einer Atmosphäre, in der Widerspruch nicht als Störung, sondern als Teil der Demokratie verstanden wird.

Lieber Herr Bulander, Sie wünschen sich Heiterkeit. Das ist ein sympathischer Wunsch. Wir sollten ihn beim Wort nehmen. Denn eine lebendige Demokratie verträgt nicht nur Applaus, sondern auch Widerspruch – und gelegentlich einen guten Witz auf eigene Kosten.

Vorschlag der Gegenkandidatin für die neue Amtszeit: weniger Humorverbot auf Verdacht, mehr Gelassenheit im Schlagabtausch. Bei der vergangenen Wahl gab es jedenfalls für die Demokratie immerhin 21,8 Prozent mehr Heiterkeitspotenzial.

Heiterkeit, Mobilität und die Sache mit dem Handeln

Damit wären wir auch schon beim nächsten wichtigen Punkt der Sitzung vom Montag: dem Aktionsplan für Mobilität, Klima und Lärmschutz. Drei wichtige Themen, ein gemeinsames Ziel: Mössingen soll lebenswerter werden. Wer könnte dagegen sein? Allenfalls der innere Schweinehund, der am liebsten direkt vor der Haustür parkt.

Mössingen hat mit dem STEP 2030 schließlich schon einen ganzen Katalog guter Vorsätze. Sogar mit Bürgerbeteiligung entwickelt! Verkehrsberuhigte Innenstadt, mehr Aufenthaltsqualität, attraktive Wege für Radler und Fußgänger – alles längst aufgeschrieben. Jetzt soll ein Aktionsplan dabei helfen, aus den Zielen konkrete Maßnahmen zu machen. Das ist durchaus sinnvoll. Man fragt sich nur: Wie viele Pläne braucht es eigentlich noch, bis aus dem „Wir wollen“ ein „Wir machen“ wird?

Denn während wir über klimafreundliche Mobilität beraten, bleibt die praktische Umsetzung die eigentliche Herausforderung. Sichere Radwege entstehen nicht durch schöne Formulierungen, weniger Lärm nicht durch freundliche Absichtserklärungen und Klimaschutz nicht dadurch, dass man ihn regelmäßig auf die Tagesordnung setzt.

Natürlich braucht gute Planung Zeit und Geld. Entscheidend ist aber, was am Ende dabei herauskommt: klare Maßnahmen, verbindliche Zeitpläne und Ergebnisse, die im Alltag spürbar sind. Sonst droht der Aktionsplan zum Reiseführer in eine Zukunft zu werden, in der wir längst angekommen sein wollten.

Vielleicht passt hier sogar der Wunsch des OB nach mehr Heiterkeit: Wir sollten die Ziele durchaus ernst nehmen, uns selbst aber nicht so wichtig, dass wir unsere eigenen Versprechen nicht mehr hinterfragen dürfen.

Denn Mobilität wird nicht nachhaltiger, wenn wir länger darüber reden. Und Lärm wird nicht leiser, wenn wir ihn vertagen. Und das Klima? Wollen wir es wirklich retten? Oder kommt nach uns die Sintflut?

LiSt freut sich wie immer, wenn Sie mit uns diskutieren. Kommen Sie mit uns ins Gespräch! Nutzen Sie hierfür gerne das Kontakformular auf dieser Seite oder schreiben Sie uns unter servus@chefinnin.de

Einen schönen Herbst wünscht

Ihre

LiSt

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Redebeitrag aus der Sitzung vom 5.10.:

Sehr geehrter Herr Oberbürger*innenmeister, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben heute eine wegweisende Entscheidung vor uns. Das neue Baugebiet „Höckle“ braucht Straßennamen. Und die Verwaltung hat tief in der Kiste der Innovation gewühlt und uns einen Vorschlag mitgebracht, der vor visionärer Kraft nur so strotzt: Handwerksberufe.

Schlosserweg, Fräserstraße, Küfergasse.

Chapeau. Das ist kreativ. Das ist mutig. Das atmet den Geist des 19. Jahrhunderts, in dem die Welt noch übersichtlich war. Und ich bin mir absolut sicher: Wenn wir gleich abstimmen, wird sich eine überwältigende, harmonische Mehrheit in diesem Raum – die sich zufällig rein optisch und demografisch seit Jahrzehnten treu geblieben ist – vor Begeisterung kaum auf den Stühlen halten können. Es ist schließlich Tradition, dass wir das wählen, was wir schon immer gewählt haben. Bloß kein Risiko. Früher war schließlich schon immer alles besser.

Aber liebe Kollegen – vor allem die älteren, erfahrenen unter uns – lassen Sie uns doch mal ganz kurz, nur für den Bruchteil einer Sekunde, das Undenkbare tun. Lassen Sie uns das Jahr 2026 betreten.

Wenn wir schon Berufe ehren wollen, warum dann nur die, die man im Blaumann erledigt? Wenn wir schon im neuen Wohngebiet Identität stiften wollen, warum dann ausgerechnet mit staubigen Werkstätten? An das Gewerbegebiet erinnert heute nicht mal mehr der neue Name…. Es passt irgendwie so gar nicht zum neuen, supermodernen Image, das uns die Verwaltung präsentiert. Man tut ja neuerdings richtig weltmännisch. Inspiriert von den Berliner Hackeschen Höfen bekommen wir jetzt stolz die „Mössinger Höfe“ serviert. Das klingt nach Großstadtflair, nach Kreativquartier, nach Moderne pur! Nur wenn man dann auf die Straßenschilder schaut, landet man direkt wieder im staubigen Maschinenraum der Nachkriegszeit. Ein ziemlich heftiger Design-Unfall, finden Sie nicht?

Dabei läge die Lösung doch so nah. Wir sind Mössingen, die Stadt der Streuobstwiesen! Warum spiegeln die „Mössinger Höfe“ das nicht wider? Stellen wir uns vor, wie viel charmanter ein Apfelweg klänge? Oder wie wäre es mit der Influencer-Allee? Da wissen die zuziehenden jungen Familien im Höckle wenigstens sofort, warum die Mieten so hoch sind. Oder der Homeoffice-Ring? Eine Sackgasse, versteht sich – man kommt ja eh nicht raus.

Oder, wenn wir ganz wild werden wollen: Wie wäre es zur Abwechslung mal mit echten Menschen? Und – halten Sie sich fest – vielleicht sogar mit Frauen? Ich weiß, im Mössinger Straßenverzeichnis muss man Frauen mit der Lupe suchen. Da haben wir die Viktoriastraße und die Charlottenstraße. Anna Nill, Lise Meitner: Das reicht dann auch wieder für ein Jahrhundert Emanzipation, oder? Ja, es gibt bereits einen Brettacherweg. Und mit Frauen haben wir es hier in Mössingen ja nicht so. Apropos: Die CDU hat bereits 2019 einen Antrag zur Benennung einer Straße nach Maria Wagner gestellt, der mit nur 2 Enthaltungen durchging. Warum wird dieser Beschluss einfach ignoriert? Weil der Gemeinderat nichts zu melden hat und nur schmückendes Beiwerk in der Kommunalpolitik darstellt? …Könnte man jedenfalls manchmal meinen….

Wir sind hier in Mössingen! Wir sind die Stadt der Streuobstwiesen! Das ist unser Stolz, unser Marketing, unser Heiligtum. Aber beim Straßenbenennen fällt uns plötzlich nur noch der Schlosser ein?

Warum nutzen wir das Höckle nicht für das, was uns wirklich ausmacht? Wie wäre es zum Beispiel mit einer saftigen Quitten-Gasse? Oder dem leckeren Birnen-Weg? Das hätte wenigstens Geschmack. Wir könnten sogar richtig ins Detail gehen und lokale Apfelsorten ehren: Gewürzluiken-Straße oder poetisch: Kirschblüten-Ring. Da wüssten die zuziehenden Familien im Höckle wenigstens sofort, in was für einem Naturparadies sie gelandet sind.

Aber gut, man könnte jetzt einwenden: Das ist ja nur meine Meinung. Warum fragen wir zur Abwechslung nicht einfach mal die Menschen, die dort später wohnen sollen? Warum starten wir keine Umfrage in der Bevölkerung?

… Ach neee, Entschuldigung, ich vergaß: Bürgerbeteiligung! Hernach will die Bürgerin am Ende noch mitbestimmen! Wo kämen wir denn da hin? Das wäre ja völlig unbequem, wenn die Mössinger plötzlich mitreden dürften. Am Schluss wählen die noch die Paradies-Allee und wir müssen unsere schönen Schlosser-Pläne umschreiben. Nein, dieses Risiko gehen wir lieber nicht ein.

Lassen Sie uns das Handwerk gerne im Herzen tragen. Aber für die hippen „Mössinger Höfe“ dürfen wir ruhig etwas mehr Mut beweisen: Entweder wir zeigen Geschmack mit unseren heimischen Obstsorten – oder wir beweisen echten Mut und fragen einfach mal die Bürger.

Oder stimmen wir also gleich brav für Schlosser, Fräser und Küfer. Und schaffen so ein Denkmal für das traditionelle Handwerk – und ein perfektes Spiegelbild für die Innovationskraft dieses Gemeinderats. Schön staubig, absolut risikofrei und garantiert frei von jeder Überraschung.

Vielen Dank.

 

 

4 Kommentare zu „Mehr Bürger, weniger Meister“

  1. Avatar von Katharina
    Katharina

    Hach Claudia,
    ich finde das wirklich super, dass du nicht aufgibst, obwohl es aufgrund zu vielen alten weißen Männern in dem Verein leider immer nix wird….

    1. Avatar von chefinnin

      Danke, liebe Katharina! Schon allein wegen so tollen Mössingerinnen wie dir lohnt es sich, weiter zu machen!!! :*

  2. Avatar von Klara Dittrich-Rommel
    Klara Dittrich-Rommel

    Liebe Claudia, wie gut, dass du immer mit Ideen kommst und darauf hinweist, wie einfallslos manches ist.
    Dein Quittenweg-Vorschlag ist große Klasse. Ich glaube, dass niemandem außer dir so was einfällt.
    Bürgerbeteiligung fände ich hier wirklich wichtig. Die Handwerkergassen gehören um das alte Rathaus, nicht in ein zukunftsweisendes neues Viertel.

    Bleib dran!
    Viele Grüße Klara

    1. Avatar von chefinnin

      Achach, liebe Klara!
      Ohne Menschen wie dich wäre Mössingen ein Trauerspiel! Danke, dass du und viele andere mir die Kraft geben, gegen die verstaubten Ansichten mancher im GR mit a bissl mehr Humor anzugehen…. 😉

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