Claudia Jochen, Zohran Mamdani, Anna Nill
Die Mössingerin Anna Nill, 1873 geboren als Tochter des Messerschmieds Johannes Nill, fuhr mit 16 Jahren von Hamburg aus mit dem Schiff über den Atlantik und landete in New York.
Ganz allein in der Riesenstadt New York.
Die Auswanderin wurde eine erfolgreiche Geschäftsfrau.
Sie mischte sich ein, gab nicht auf, setzte sich durch.
In Babylon existiert bis heute eine Anna-Nill-Street.
Ihrer Heimat blieb sie verbunden.
Bei ihrer zeitweiligen Rückkehr Anfang der zwanziger Jahre trat sie der KPD bei, nahm an Versammlungen teil, hielt öffentlich Reden.
Ein Mann namens Zohran Mamdani, 34 Jahre alt, wurde Anfang des Jahres ins Amt des Oberbürgermeisters berufen, in der größte Stadt der Vereinigten Staaten.
In seinem Wahlkampf stellte er drei konkrete Wahlversprechen in den Mittelpunkt: öffentliche Kinderbetreuung, kostenlose und schnelle Busse, Kampf gegen die hohen Mieten.
Er ist Mitglied der Demokraten und zugleich der „Democratic Socialists of America“, zu denen auch Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez gehören.
Heute wäre Anna Nill 153 Jahre alt.
Man kann davon ausgehen, dass sie den neuen New Yorker Schultes als für einen guten Mann befunden und ihn mit ganzem Herzen unterstützt hätte.
Der ersten Frau, die in Mössingen Fahrrad fuhr, hätte es gefallen, dass Mamdani als allererste Amtshandlung eigenhändig ein stadtbekanntes Schlagloch an einem vielbefahrenen Radweg am Ende einer Brücke nach Manhattan verschwinden ließ.
In der Folge besserte die Stadtverwaltung 7000 Schlaglöcher aus.
Danach nahmen die Bürger und Anhänger Mamdanis die Sache in die Hand.
Mamdani konnte Anfang April in eigener Person
ein weiteres Schlagloch auffüllen.
Es war mittlerweile das Hunderttausendste.
Schlaglöcher.
Ein für die Riesenstadt New York offensichtlich schwieriges Problem.
Kein Geld da für Reparaturen.
Eric Adams, der Vorgänger Mamdanis, der dem rechten Flügel der Demokraten angehört, hat ihm fünf Milliarden Dollar Schulden hinterlassen.
In Amerika, einem Land, in dem die Arbeiterbewegung durchaus eine lange Tradition hat, nennt man solche Maßnahmen der Problemlösung, wie sie vom neuen Bürgermeister angewendet wurden,
„Sewer-Socialism“.
Großtuerische Gesten und schwerrevolutionäre Parolen waren nicht die Sache der amerikanischen Arbeiterklasse.
Der „Kanalisationssozialismus“ kümmerte sich vielmehr darum, wo der Schuh drückte bzw. das Rohr leckte oder verstopft war.
Auch die Profitsucht von FIFA und Trump, die Hand in Hand in den WM-Kassenhäuschen sitzen, mag Mamdani nicht ergeben hinnehmen.
Er hat eine Gelegenheit ergriffen, dagegen vorzugehen.
Durch öffentlichen Druck gelang es ihm, der FIFA tausend Karten zum Preis von 50 US-Dollar abzuknöpfen, die er über ein Losverfahren an New Yorker Bürger*innen verteilte.
Die Bürgermeister hierzuland bejammern seit Jahrzehnten, dass die Kassen der Kommunen beängstigend leer sind, gerade so wie ein leeres Schwimmbecken.
Sind sie nicht in der Lage, zu analysieren, wo die Ursachen des Desasters liegen?
Es war zweifellos ein erfolgreicher Trick des Neoliberalismus, Leute, die in kommunale Ämter gewählt wurden, zu Verwaltern der Austeritätspolitik zu degradieren, unter Zuhilfenahme eines Schreckgespenstes wie der schwäbischen Hausfrau.
Damit die Tendenz, öffentliches Eigentum in privates umzumodeln, die Anhäufung von Kapital ungehindert fortgesetzt werden könne.
Dann hat man Ende rasch 5000 „Superreiche“ beisammen, während das Schulklo und die Turnhalle vergammeln. Oder die Brücken gesperrt werden müssen.
Noch ist nicht ausgemacht, ob Mamdani Erfolg haben wird mit seiner konsequenten Politik gegen Mietwucher und für eine tatsächlich wirksame Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.
Er will eine Steuer auf Zweitwohnungen einführen, die mehr als fünf Millionen Dollar wert sind.
Und fordert natürlich auch eine höhere Steuer für die Reichen.
Doch das unterliegt nicht seiner Hoheit.
Ebenso wenig wie die Anschaffung von Bussen.
Die Gesellschaft, die in der Stadt den ÖPNV betreibt, gehört dem Staat New York, der auch für die Steuern zuständig ist.
Kommunalpolitik, die den Menschen nützt, ist immer in ein enges Korsett geschnürt.
Das muss nicht so bleiben.
In der ersten Woche im Amt schuf Mamdani ein „Office for Mass Engagement“, das etwa Menschen berät, wie man Zwangsräumungen verhindert.
Sie sollen in Stand gesetzt werden, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen.
Und Anna Nill?
Sie würde heute an der Seite der OB-Kandidatin Claudia Jochen stehen.
Schon aus Solidarität von Radfahrerin zu Radfahrerin.
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PS: Wer bis hierher durchgehalten hat, fragt sich wahrscheinlich, was die Überschrift zu bedeuten hat.
Die Stadt Mössingen beteiligt sich am Montag, 22. Juni 2026, am bundesweiten Aktionstag „Kommunen am Limit“. Mit der Aktion möchten Städte und Gemeinden auf die prekäre Haushaltssituation der Kommunen aufmerksam machen und gemeinsam ein deutliches Signal an Bund und Länder senden.
Hierzu findet um 10:00 Uhr vor dem Rathaus ein gemeinsamer Fototermin statt.
Die Hausspitze und Mitarbeitende der Stadtverwaltung werden sich mit Plakaten und Bannern vor dem Rathaus versammeln. Wir würden uns freuen, wenn auch Sie die Aktion durch Ihre Teilnahme unterstützen.
Treffpunkt ist um 9:55 Uhr vor dem Rathaus.
Hintergründe zu oben Stehendem: Es gibt einen sehr einfachen, aber tiefgreifenden Grund für den Niedergang der gesellschaftlichen Linken: Sie ist liberal geworden. Sie verteidigt individuelle Rechte statt auf kollektive Macht zu setzen, sie blickt bei politischen Auseinandersetzungen auf Verfassungsgerichte statt auf Volkssouveränität, flüchtet in juristische Verfahren.
Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wird der Liberalismus hingegen mit neuer Härte attackiert: Die sogenannten „Postliberalen“ versuchen, das Politische jenseits liberaler Einhegung zu denken. Was, wenn man von den Postliberalen etwas lernen kann? Was würde es für die Linke bedeuten, sich aus dem Bündnis mit dem Liberalismus zu lösen? Gibt es vielleicht sogar das Potenzial für eine „postliberale Linke“?
Mehr unter:
https://www.deutschlandfunk.de/postliberalismus-krise-der-linken-demokratie-100.html

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