Am Sonntag war ich ausnahmsweise nicht in Mössingen unterwegs. Keine Diskussion über Parkplätze, keine Gespräche über Radwege, keine Frage nach der Grundsteuer.
Stattdessen führte mich der Weg nach Sindelfingen – zum Familienfest von Mercedes-Benz. Dort arbeitet mein Bruder mit rund 35 000 anderen Arbeitern und führte mich durch das Werksgelände.
Und plötzlich stellte sich eine spannende Frage:
Was kann Mössingen eigentlich von einem Unternehmen lernen, das seit über einem Jahrhundert Autos baut?
Erstaunlich viel.

Lektion 1: Erfolg bedeutet Veränderung
111 Jahre Mercedes-Benz am Standort Sindelfingen – das klingt zunächst nach Tradition. Wer genauer hinschaut, erkennt jedoch etwas anderes: Die Geschichte des Unternehmens ist vor allem eine Geschichte ständiger Veränderung.
Seit über einem Jahrhundert erfindet sich Mercedes-Benz immer wieder neu. Vom ersten Automobil über Fließbandfertigung, Sicherheitsinnovationen und Digitalisierung bis hin zur Elektromobilität. Nicht weil man Veränderung besonders liebt, sondern weil die Welt nicht stehen bleibt.
Gerade die aktuellen Herausforderungen der Automobilindustrie zeigen, wie schnell selbst große Namen unter Druck geraten können. Wer sich auf vergangenen Erfolgen ausruht, riskiert, von der Zukunft überholt zu werden. Und wer nur auf kurzfristige Gewinne schielt, scheitert erst recht.
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für Unternehmen.
Auch Mössingen hat sich über Generationen hinweg immer wieder verändert.
Aus einem Dorf wurde eine Stadt, aus einer Stadt eine Große Kreisstadt. Neue Wohngebiete entstanden, Betriebe siedelten sich an, Verkehrswege wurden gebaut, Stadtteile wuchsen zusammen.
All das war nur möglich, weil Menschen bereit waren, neue Wege zu gehen.
Deshalb sollte Stillstand auch heute keine Option sein. Die Herausforderungen von morgen werden nicht kleiner: bezahlbarer Wohnraum, Mobilität, Klimaanpassung, Digitalisierung, attraktive Ortskerne und eine alternde Gesellschaft.
Wer sagt: „Es passt doch alles so, wie es ist“, übersieht, dass sich die Welt trotzdem weiterdreht.
Oder anders formuliert: Wer stehen bleibt, wird nicht überholt, weil andere schneller sind. Sondern weil er selbst aufgehört hat, sich zu bewegen.

Lektion 2: Werte müssen gelebt werden
Wer 111 Jahre in Sindelfingen besteht, braucht mehr als gute Produkte. Über einen so langen Zeitraum tragen Unternehmen bestimmte Grundüberzeugungen: Qualität, Verlässlichkeit, Innovationskraft oder der Anspruch, Probleme zu lösen, bevor andere sie überhaupt erkennen. Zugunsten kurzfristiger Gewinne vernachlässigte der erfolgreiche Konzern seine Innovationskraft und strauchelt nun enorm.

Natürlich erlebt jede Organisation erfolgreiche Phasen und schwierige Zeiten. Gerade deshalb zeigt die Geschichte von Mercedes-Benz etwas Interessantes:
Werte sind nur dann etwas wert, wenn sie auch im Alltag gelebt werden. Sobald sie nur noch auf Hochglanzbroschüren stehen, verlieren sie ihre Kraft.
Diese Erkenntnis lässt sich auch auf Städte übertragen.

Mössingen hat sich 2015 in einem umfangreichen Beteiligungsprozess (STEP 20230) Gedanken darüber gemacht, wie die Stadt in Zukunft aussehen soll. Ziele wurden formuliert, Leitlinien entwickelt und Prioritäten festgelegt. Dahinter stehen Werte, auf die sich viele Bürgerinnen und Bürger verständigt haben.

Zahlreiche Beschlüsse und Projekte seitdem lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob diese Werte wirklich gelebt werden. Der „strategischen Innen- vor Außenentwicklung“ (hier) habe ich mich schon gewidmet. Die Themen „Verkehrsberuhigung“ und „Erhöhung der Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer“ haben den Weg aus der Hochglanzbroschüre nicht in die Realität gefunden, das bezeugen die jährlichen Elternbriefe der Schulen angesichts der Schulwegesicherheit.
Ebenso wird die „Sicherung der Streuobstwiesen“ nicht ernst genommen, wie der B27-Ausbau (siehe hier und hier) und geplanten Gewerbegebiete (siehe hier) zeigen.

Die spannende Frage lautet deshalb zunächst: Haben wir gute Ziele?
Die spannendere Frage lautet jedoch: Leiten diese Ziele tatsächlich unser Handeln?
Denn Leitbilder entfalten ihre Wirkung nicht dadurch, dass sie in Ordnern abgeheftet werden, sondern wenn sie bei Entscheidungen sichtbar werden und Orientierung geben. Wenn sie auch dann gelten, wenn es unbequem wird.
Vielleicht kann Mössingen von einem 111 Jahre bestehenden Standort lernen, dass Erfolg nicht daraus entsteht, Werte zu formulieren.
Erfolg entsteht daraus, sie immer wieder mit Leben zu füllen.

Lektion 3: Der wichtigste Erfolgsfaktor sind die Menschen
Zwischen Oldtimern, modernen Fahrzeugen und beeindruckender Technik fiel beim Familienfest noch etwas anderes auf:
Mercedes-Benz feierte nicht nur Autos.
Mercedes-Benz feierte Menschen.
Aktive Beschäftigte, Rentnerinnen und Rentner, Familien, Auszubildende, Kinder und Enkel – sie alle waren Teil der Geschichte des Unternehmens. Die Fahrzeuge standen zwar auf dem Festgelände. Im Mittelpunkt standen jedoch die Menschen, die sie entwickelt, gebaut und genutzt haben.
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Denn Organisationen neigen manchmal dazu, sich vor allem mit Strukturen, Prozessen, Zuständigkeiten und Vorschriften zu beschäftigen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, worum es eigentlich geht.
Auch eine Stadt lebt nicht von Satzungen, Haushaltsplänen oder Organigrammen.
Eine Stadt lebt von den Menschen, die sich engagieren.
Von Vereinen, Ehrenamtlichen, Unternehmerinnen, Nachbarn, Elternbeiräten, Feuerwehrleuten, Kulturschaffenden und all denjenigen, die oft ohne großes Aufsehen Verantwortung übernehmen.
Die Aufgabe einer Stadtverwaltung besteht deshalb nicht darin, alles selbst zu machen.
Ihre Aufgabe besteht darin, Menschen dabei zu unterstützen, Dinge möglich zu machen.
Wer die Bürgerinnen und Bürger nur verwaltet, verschenkt enormes Potenzial.
Wer ihnen vertraut und sie einbindet, gewinnt Mitstreiter für die Zukunft.

Fazit: Was Mössingen von Sindelfingen lernen kann
Der Besuch beim 111-jährigen Jubiläum des Standorts Sindelfingen nebst Familienfest war nicht nur eine Reise in die Automobilindustrie.
Er war eine Reise zu einer einfachen Erkenntnis:
Erfolgreiche Organisationen bleiben nicht erfolgreich, weil sie einmal etwas richtig gemacht haben.
Sie bleiben erfolgreich, weil sie bereit sind, sich zu verändern, ihren Werten treu zu bleiben und auf die Menschen zu vertrauen, die sie tragen.
Genau das gilt auch für Städte.
Mössingen hat sich über Jahrhunderte immer wieder neu erfunden. Vom Dorf zur Großen Kreisstadt. Vom landwirtschaftlich geprägten Ort zu einem vielfältigen Lebens- und Wirtschaftsstandort.
Die Frage ist deshalb nicht, ob wir Veränderungen schaffen können.
Die Geschichte unserer Stadt zeigt, dass wir das können.
Die eigentliche Frage lautet: Haben wir den Mut, die nächsten Schritte genauso entschlossen anzugehen wie die Generationen vor uns?
Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten, dann muss sich Mössingen vor der Zukunft nicht fürchten.
Und vielleicht war das die wichtigste Lektion eines Tages, der eigentlich gar kein Wahlkampftag war.


Schreiben Sie einen Kommentar