Vainqueur ou vaincu*?
Es gibt Siege.
Und es gibt richtige Siege.
Bislang war ich der etwas altmodischen Auffassung, dass derjenige gewinnt, der am Ende mehr Stimmen hat.
Man lernt nie aus.
Nun erfahre ich, dass es offenbar auch den „richtigen“ Sieger gibt.
In seiner Instagramstory bezeichnet sich mein lieber Herr Oberbürgermeister als „der richtige Sieger“.
Das ist natürlich ein faszinierender Gedanke.
Denn wenn es einen richtigen Sieger gibt, muss es folgerichtig auch einen falschen Sieger geben.
Vermutlich hätte ich, falls ich gewonnen hätte, nur zu den amtlich festgestellten Siegerinnen gezählt.
Der richtige Sieger wäre dann wahrscheinlich trotzdem jemand anders gewesen.
Man weiß es nicht.
Interessant war allerdings schon der Wahlabend.
Erleichterung ist schließlich eine ausgesprochen menschliche Regung.
Man freut sich.
Man atmet auf.
Man denkt: Puh, das ist gerade noch einmal gut gegangen.
Das wirkt jedenfalls authentischer als der Eindruck, man habe den Ausgang ohnehin nie angezweifelt.
Wer nach einem Marathon erschöpft ins Ziel fällt, hat unterwegs offenbar doch gelegentlich auf die Uhr geschaut.
Und das ist auch völlig in Ordnung.
Denn eines hat dieser Wahlkampf gezeigt:
Es gab tatsächlich eine Wahl.
Mit echter Spannung.
Mit Diskussionen.
Mit unterschiedlichen Ideen.
Mit fast 36 Prozent Wahlbeteiligung.
„Wie bitte?!“, fragen Sie sich eventuell, liebe schöngeistige Leserin, lieber hochgebildete Leser, „habe ich das richtig gelesen?!
Ja, 35,7 Prozent, um genau zu sein.
Da erkennen Sie ganz richtig: Im Umkehrschluss bedeutet das: 64,3 Prozent der Wahlberechtigten hatten am Sonntag offensichtlich einen wichtigeren Termin. Bzw. waren der Ansicht, dass Demokratie auch ganz gut ohne sie auskommt.
Das ist durchaus beeindruckend. Und erschreckend.
Mössingen hat damit eine bemerkenswerte demokratische Innovation entwickelt: Man überlässt die Entscheidung einfach den Nachbarn und beschwert sich anschließend beim Bäcker über das Ergebnis. Auch an Stammtischen werden Probleme oft in Rekordzeit gelöst – solange niemand auf die Idee kommt, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Natürlich kann man das als „richtiger“ Sieger einen überzeugenden Wahlsieg nennen.
Man könnte aber auch feststellen, dass fast zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger beschlossen haben, dem spannendsten Teil der Demokratie fernzubleiben.
Ein Armutszeugnis ist deshalb nicht das Wahlergebnis.
Ein Armutszeugnis ist, dass es einer Stadt mit fast 22.000 Einwohnern offenbar noch immer nicht gelingt, eine deutliche Mehrheit ihrer Bürgerinnen und Bürger für den Gang zur Wahlurne zu begeistern.
Denn die größte Gefahr für eine Demokratie ist nicht, dass Menschen unterschiedlich wählen.
Die größte Gefahr ist, wenn sie irgendwann gar nicht mehr wählen.
Schon allein deswegen, weil sie keine Wahlbenachrichtigung erhielten – was mir nun bereits mehrfach zu Ohren kam! Bitte melden Sie sich, wenn sie jemanden kennen, bei dem dies der Fall war!
Demokratie funktioniert nicht nach dem Prinzip: „Die anderen sollen mal machen.“
Demokratie ist kein Lieferservice.
Wer sich dauerhaft heraushält, überlässt anderen die Entscheidungen. Und wer die Entscheidung anderen überlässt, sollte sich zumindest gelegentlich fragen, ob das ewige Meckern wirklich die überzeugendste Form bürgerschaftlichen Engagements ist.
Deshalb habe ich eine Bitte – an alle, die diesmal gewählt haben:
Reden Sie mit denjenigen, die zu Hause geblieben sind.
Nicht vorwurfsvoll.
Sondern neugierig.
Fragen Sie sie, warum sie nicht wählen gegangen sind. Hören Sie zu. Werben Sie dafür, sich einzubringen. Nehmen Sie sie mit zu Gemeinderatssitzungen, Vereinsveranstaltungen oder dem derzeit stattfindenden KULTUR OPEN AIR.
Denn eine lebendige Stadtgesellschaft lebt nicht davon, dass einige wenige Verantwortung übernehmen und viele andere kommentieren.
Sie lebt davon, dass möglichst viele mitmachen.
Vielleicht wäre das schönste Ergebnis der nächsten Wahl gar nicht ein anderer Sieger.
Sondern eine Wahlbeteiligung, bei der wir uns nicht mehr dafür schämen müssen.
Aber nochmal zurück zum Sieger:
Vielleicht besteht der größte Unterschied zwischen einem Sieger und einem richtigen Sieger gar nicht im Wahlergebnis.
Sondern darin, wie man anschließend mit den Menschen umgeht, die anders entschieden haben.
Demokratie kennt nämlich Gewinner und Unterlegene.
Sie kennt aber keine richtigen und falschen Bürger.
Und das ist vielleicht die schönste Erkenntnis dieses Wahlkampfs.
Ach ja …
Falls künftig jemand vom „richtigen Sieger“ spricht, werde ich ganz gelassen antworten:
„Ich war offenbar die richtige Gegenkandidatin.“
Sonst wäre es vermutlich ein ziemlich langweiliger Wahlsonntag geworden.
PS:
Eine Beobachtung hat mich während des Wahlkampfs übrigens besonders gefreut.
Mein lieber Herr Oberbürgermeister war ausgesprochen freundlich zu mir.
Er setzte sich auf mein rotes Sofa, wir unterhielten uns respektvoll, und ich dachte einen kurzen Moment: So müsste Kommunalpolitik eigentlich immer sein.
Vielleicht war das einfach ehrliche Fairness.
Vielleicht gehörte es aber auch zu den seltenen Naturphänomenen, die nur während eines Wahlkampfs auftreten – ähnlich wie Regenbogen oder Halleys Komet.
Bild: Farina Semler
Ich werde es bald erfahren.
Denn wahre Freundlichkeit erkennt man bekanntlich nicht daran, wie man mit einer Gegenkandidatin vor der Wahl umgeht.
Sondern daran, wie man ihr nach der Wahl begegnet, wenn die Kameras ausgeschaltet sind und es nichts mehr zu gewinnen gibt.
Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn sich herausstellt, dass diese Höflichkeit keine Wahlkampfstrategie war, sondern schlicht guter Stil.
Das wäre vielleicht der schönste Sieg von allen.
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*zur Überschrift:
- „Sire, vainqueur!“ (Sire, Sieger!) klingt wie „vingt coeurs“ (zwanzig Herzen).
- „Sire, vaincu!“ (Sire, Besiegter!) klingt wie „vingt culs“ (zwanzig Hintern).

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